IL VENTO DI SETTEMBRE
Septemberwind
(OmU)
CH 2002, 105 min
R: Alexander J. Seiler

 

Fr 16.5.03 22:30 Uhr
Sa 17.5.03
20:00 Uhr
So 18.5.03
22:00 Uhr
Mo 19.5.03
20:00 Uhr

 


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Alberto Nessi – Septemberwind
Der Septemberwind ist der Wind, der die Wurzeln mit sich nimmt. Wurzeln, die in den Fussballfeldern der Jugend gründen, in der Fabrik, in der Antonietta dreissig Jahre lang Fäden geknüpft hat, in der Werkstatt im Kanton Thurgau, in der Carlo Olimpio von Schweizer Meistern das Handwerk des Mechanikers erlernt hat. Jetzt ist er zu den Olivenbäumen seines Dorfes zurückgekehrt, doch etwas hat sich in ihm für immer verändert. Die bei der Entwurzelung gerissenen Fäden lassen sich nicht schmerzlos wieder verknüpfen. Es bleibt eine Narbe. Auch Christian, der Junge, der bis fünfzehn in der Schweiz gelebt hat und jetzt wieder nach Apulien zurückgekehrt ist, merkt, wenn er in den Ferien zu uns kommt, dass ihm etwas fehlt: Die Sterne von Adliswil fehlen ihm. Und die Arbeiterin, die nun in Rente ist und ihrer Tochter die Spinnerei zeigen will, in der sie ihr Leben lang gearbeitet hat, findet nichts mehr: Der Septemberwind hat ihre Vergangenheit fortgeweht wie eine welke Rose. Assunta, ihre Tochter, hat das Städtchen Aesch liebgewonnen und sich dort ganz integriert: Die Dance School ist ihr neues Reich. Doch was sind die beim Aerobic-Unterricht im Turnsaal geschrieenen Worte anderes als die erbarmungslose Litanei der neuen Religion der Effizienz? Die gestikulierende Mutter erinnert uns an das demütige Italien Pasolinis, genauso wie die bäuerlichen Gesichter der Saisonarbeiter aus SIAMOI TALIANI – Seilers Film von 1964 –, die hier in wenigen Ausschnitten noch einmal auftauchen wie Reliquien einer begrabenen Welt; die Tochter im Turnsaal führt uns zurück ins technologische Universum des postindustriellen Zeitalters. SEPTEMBERWIND ist ein Film über den Treibsand der Zeit, über Veränderung, über Mangel, über Zerrissenheit, über das hier und das dort, und darüber, nicht mehr zu wissen, was man will. Doch es ist auch ein Film über die Alltagsgesten der Menschen, die in der Fabrik und in der Werkstatt arbeiten, die eine Feige vom Baum pflücken, die Gitarre spielen auf der Suche nach Harmonie. Längst hat die Zeit das alte Italien der verschreckten Emigranten und die alte Schweiz von Schwarzenbach weggefegt; aber neue Demagogen, vielleicht grobschlächtiger und schlauer als die aus den sechziger Jahren, haben die Schweizer Szene betreten. Und eine neue Einsamkeit wohnt in den Strassen von Acquarica del Capo, wo alte Frauen im Sommer vor den Türen mit goldfarbenen Rahmen sitzen und wohin die «Schweizer» zurückkehren, um sich ein Haus zu bauen, in dem Bestreben, Ferne zu überbrücken. Vergeblich. Denn «die Ferne bleibt dem, der sie hat», wie Tonuccio sagt, und sie läßt sich nicht überbrücken. Aus dem Italienischen von Maja Pflug