OUT OF THE FOREST
Stimmen aus dem Wald (OmU)
ISR/LIT 2004, 92 min
R: Limor Pinhasov Ben Yosef, Yaron Kaftori Ben Yosef

 

 

Fr 11.11. 05, 21:15 Uhr
Sa 12.11. 05, 21:15 Uhr
So 13.11. 05, 21:15 Uhr
Mo 14.11. 05,
21:15 Uhr

 


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"Freitag, 11. Juli 1941. Das Wetter ist schön. Es weht ein warmer Wind. Der Himmel ist nur leicht bewölkt. Vom Wald her hört man Schüsse." Mit diesen Worten beginnt das Tagebuch von Kazimierz Sakowicz, einem Polen aus Ponar, einem kleinen Dorf zehn Kilometer westlich von Vilnius, der Hauptstadt von Litauen. Zwischen 1941 und 1944 wurden hier mehr als einhunderttausend Menschen umgebracht, zum größten Teil Juden.

Sakowicz hörte die Schüsse und wusste, dass ganz in der Nähe etwas Seltsames geschah. Er beschloss, heimlich alles, was er hörte und sah, aufzuschreiben. Insgesamt dokumentierte er 835 Tage des Genozids. Ausgehend von Sakowicz Tagebuch berichtet OUT OF THE FOREST von Menschen, die in unmittelbarer Nähe eines Massenhinrichtungs-platzes lebten. Zu ihnen gehörte ein junges Mädchen, deren Kühe auf den offenen Gräbern weideten, eine Frau, die gezwungen wurde, für die Mörder zu kochen, ein Mann, der mit den Kleidern der Toten Handel trieb, und eine weitere Frau, die sich weigerte, einen Gefangenen in ihr Haus zu lassen, der wenige Minuten zuvor der Exekution entkommen konnte.

Der Film ist auch eine Geschichte über Nachbarschaft und Gemeinwesen in schlechten Zeiten; eine Geschichte darüber, wie grundlegend unterschiedlich die jeweiligen Bevölkerungsgruppen (Polen, Litauer und Juden) die schrecklichen Vorkommnisse wahrgenommen haben und wie heute, sechzig Jahre später, niemand die Verantwortung für das Geschehene übernehmen will und jeder die Schuld bei den Anderen sucht.

Der Film ist wie eine Collage konstruiert und besteht aus Berichten der Anwohner, aber auch der Opfer, die wie durch ein Wunder dem Tod in Ponar entkommen konnten, sowie Auszügen aus dem Tagebuch und Aufnahmen des heutigen Ponar. Der Film enthält weder Archivaufnahmen noch Bilder von Leichen oder Blut. Mit vorsichtigen Interviews und einer unaufdringlichen Kameraführung gelingt es dem Film, hinter die dünne Fassade des Dorfes zu schauen.

Webseite: www.outoftheforest.net

Die Regisseure über ihren Film:

Wir sind in Israel aufgewachsen, in einem Land, in dem Berichte über die Gräuel des Holocaust Teil unseres täglichen Lebens sind. So mag es erstaunen, dass es nicht das Massaker von Ponar war, das unsere Aufmerksamkeit als Erstes auf sich zog. Für uns war es im Wesentlichen die Geschichte dieses Mannes, der alles dokumentierte, der an seinem Fenster sitzend akribisch notierte, beschrieb und beinahe gefühllos die zahllosen Hinrichtungen auflistete, die hinter seinem Haus begangen wurden.

Was bringt einen Menschen dazu, so etwas zu tun? Zuerst wollten wir seinen Charakter näher betrachten und herausfinden, was für ein Mensch dieser Sakowicz gewesen sein könnte. Woher kam er? Was wollte er mit diesen Aufzeichnungen erreichen? Aber je mehr wir herausfanden, je mehr Menschen wir trafen, desto klarer wurde uns, dass hinter dieser Sache viel mehr steckte als nur das, was dieser eine Mann getan hatte. Wir fühlten, dass Sakowicz trotz seiner lakonischen und technischen Aufzeichnungen uns nicht nur über das Massaker informieren, sondern auch sich selbst, seine Nachbarn und die Stimmung der damaligen Zeit beleuchten wollte.

Der Film verknüpft das unfassbare Massaker und die unbegreiflichen Erzählungen der Menschen, die Zeugen der Massenhinrichtungen waren und dabei ihr normales Leben fortsetzten. Nachdem wir das Tagebuch gelesen hatten, stellten sich uns viele Fragen, die nach unserer Einschätzung nur die Leute aus Ponar beantworten konnten.

Zunächst befürchteten wir, dass die älteren Bewohner des Dorfes unseren Fragen nur sehr zurückhaltend gegenüberstehen und uns als Fremde betrachten würden, die alte Wunden öffnen wollten und sie beschuldigen würden. Wir dachten, dass sie wie die jungen Israelis, die die alten Holocaust-Erinnerungen manchmal lästig finden nur äußerst ungern die alten Geschichten wieder hervorkramen würden, mit denen sie über ein halbes Jahrhundert gelebt hatten. Doch die Reaktionen der Menschen in Ponar waren ganz anders als erwartet.

Die älteren Bewohner Ponars waren vollkommen ruhig. Wir hatten den Eindruck, als wären wir die Ersten, die sie nach ihren persönlichen Geschichten befragten, die Ersten, die ihnen zuhören wollten. Ganz offensichtlich hatte man sie in den fünfzig Jahren der Sowjet-Herrschaft kein einziges Mal nach ihren Gefühlen und ihrer Meinung über die Vorkommnisse von Ponar gefragt. Diese Menschen schienen unbedingt über ihre Gefühle reden, ihre Version der Geschichte berichten, und vielleicht sogar Taten beichten zu wollen, die sie nach dem Krieg nicht zugeben mochten.

Während der Dreharbeiten wurde uns klar, dass die Menschen in Ponar zum ersten Mal nach sechzig Jahren über ihre wahren Gefühle reden wollten.

Zu Beginn der Dreharbeiten untersuchten wir, wie die Bevölkerung von Ponar mit der Erinnerung an die Geschehnisse umgeht. Wir stießen auf Verleugnung, Schuld, Unterdrückung. Ihre Reaktionen ähnelten denen der Überlebenden des Holocaust, deren Wunden nicht verheilt sind und die unablässig versuchen, die Erfahrungen erneut zu durchleben. Man hatte den Eindruck, dass die Leute von Ponar sich mit vielen unbeantworteten Fragen auseinandersetzen, und dass ihre Verzweiflung mit fortschreitendem Alter wächst.

Die vergangenen sechzig Jahre hatten keinen von ihnen dazu gebracht, persönliche Verantwortung zu übernehmen: Die Polen beschuldigen die Litauer, die Litauer die Russen, die Russen wiederum die Polen und so weiter. (...)

Für gewöhnlich stehen die Holocaust-Überlebenden und ihre grauenhaften Erlebnisse im Zentrum der Aufmerksamkeit, oder die Auswirkungen ihrer Erfahrungen auf die zweite oder gar die dritte Generation ihrer Nachfahren. Wir wollten jedoch die Rolle der angeblich passiven Zeugen und die kumulative Wirkung der Ereignisse auf die Bewohner untersuchen.

Ab diesem Moment begann der Film eine universelle Form anzunehmen. Was ist die korrekte Art und Weise, sich mit diesen Ereignissen auseinanderzusetzen? Wer entscheidet das? Ist es ebenso abscheulich, Zeuge eines unmenschlichen Unrechts gigantischen Ausmaßes zu sein und nicht einzugreifen, wie an diesem Unrecht teilzunehmen?

Diese Fragen führten uns zwangsläufig zu der Frage aller Fragen: Was hätten wir in dieser Situation getan? Welche Maßnahmen ergreifen wir heute?

Instinktiv sagen wir uns, dass uns so etwas nie hätte passieren können. Wir hätten Stellung bezogen und etwas gegen diese schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit unternommen. Vielleicht ist das so. Aber was ist mit den kleineren Verbrechen? Was tun wir, wenn es unserem Nachbarn nebenan schlecht geht? Oder dem Nachbarn auf der anderen Straßenseite? Oder den Menschen in unserem Nachbarstaat oder auf unserem Nachbarkontinent? Gibt es Abstufungen bei den Verbrechen der Gleichgültigkeit anderen Menschen und ihren Leiden gegenüber? Gibt es eine Rechtfertigung? Gibt es eine Rechtfertigung für eine Frau, die einen um sein Leben flehenden Flüchtling nicht in ihr Haus gelassen hat?

Im Verlauf unserer Recherche gab es Stimmen, die meinten, dass Sakowicz, der Autor des Tagebuchs, Mitglied der polnischen Untergrundbewegung Armia Krajowa oder dass das Tagebuch nichts anderes als ein ganz gewöhnlicher Geheimdienstbericht war, in dem Aktionen, Strategien, Taktik etc. dargelegt werden. Vielleicht ist das so. Unserer Meinung nach war diese Form der Aufzeichnung auch Sakowicz Art, mit dem Leben in jenen Tagen zurecht zu kommen. Ähnlich war es wohl mit dem Lachen von Regina, der Wut von Jelena und dem Weinen von Leonarda.

Limor Pinhasov Ben Yosef, Yaron Kaftori Ben Yosef