DIE INSEL (OmU)
CH 1993, 75 min
R: Martin Schaub

 

Fr 30.5.03 20:00 Uhr
Sa 31.5.03
22:30 Uhr
So 1.6.03
20:00 Uhr
Mo 2.6.03
22:30 Uhr

 


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„Marcels Hände waren schwielig, voller Risse, geschwollen an den Knöcheln und gleichzeitig sehr warm, auf unbeschreibliche Weise empfindsam. Sie hatten so vieles gehandhabt. Sie waren wie gewisse alte Wörter, die heute ausser Gebrauch geraten“ John Berger Drei Monate im Jahr finden die Hirten im Alpsteingebirge zurück zu den alten Ritualen, in ein Gleichgewicht, das in rätselhafter Weise intakt geblieben ist. Kein wiedergefundenes Paradies zwischen Felsen für sie, sondern Alltag. „Glück hätte er es nicht genannt“, sagt der Erzähler, der unvermittelt auftritt und von dem savoyischen Hirten Marcel berichtet, der etwa ein Drittel seiner achtzig Jahre auf der Kante zwischen Himmel und Erde gelebt hat. Der Film lauscht der zugleich fernen und vertrauten Inselmelodie. Produktionsmitteilung Dieser Film hat eine lange Vorgeschichte. Eine fast fünfzigjährige. Als ich gerade lesen lernte, schlug ich ein Heimatbuch immer wieder auf derselben Seite auf. Die Photographie des Fälensees zog mich magisch an. Tief eingeschnitten, schwarz, mit einem Glanzlicht am Ende des Sees. Es hat dann fünfundreissig Jahre gedauert, bis ich den See, die Wiesen und die Felsen erstmals mit eigenen Augen sah, und weitere zehn, bis ich mit der video-8-Kamera Aufnahmen machte. Die Scheu ist ebenso geblieben wie die Verzauberung durch eine magische Landschaft. Das Projekt eines grossen Films über die Jahreszeiten im Alpstein entstand. Das Drehbuch gibt es, aber wir haben kein Geld gefunden. Auch das eine lange Geschichte, aber keine magische. 1991 haben wir trotzdem zu drehen begonnen. Denn: „Alles verschwindet, man muss sich beeilen“ (Paul Cézanne). Mein Interesse an dieser Welt und an ihren Bewohnern ist kein ethnologisches. Mich ziehen sie an, weil das alles fern und fremd und zugleich unsäglich vertraut ist. John Berger sagt es in seiner Geschichte von Marcel: „Erinnerung an die Kindheit, der Garten Eden? Ich weiss nicht. Ich würde es Glück nennen, er aber nicht.“ Drei Monate im Jahr finden die Hügelbauern in den Bergen traumhaft sicher zu einer archaischen nomadischen Lebensform. Sie gehen auf in einer Welt, in der alles real, alles sichtbar ist, in der die Menschen, die Tiere und das Wetter miteinander auskommen müssen und können. Das Ritual ist die der Erde würdige Kunst des Lebens. Die Gesten sind nie mechanisch, aber immer gleich. Ich habe gesehen, wie Werner Meile, der Käser, während fünf frühmorgendlichen Stunden nicht einen einzigen Fehlgriff macht.
Und Albert Räss tritt jeden Abend - nicht exakt zur selben Uhrzeit, aber genau zur selben Erlebniszeit - auf die Anhöhe vor seiner Hütte hinaus und ruft seinen Segen ins Tal hinaus. Johann Kollers „äusserstes Wissen“ geht auf jenes Jahr zurück, als der Vater den Dreijährigen erstmal auf eine Alp mitnahm. Das Leben hat hier sichtbare Formen. Man könnte sie in einem Film auch erklären oder erklären lassen. Nie habe ich daran gedacht. Wir wollten schauen und die Melodie hören, eine Melodie, die - wie Michel Stadler auf der Widderalp sagt - in Nepal und in Argentinien kaum anders klingt. Die Geschichte von Marcel aus den Hochsavoyer Alpen, die John Berger erzählt, beleuchtet unsere Bilder und Töne. Und die sicht- und hörbare Welt des Films beleuchtet jene „nur erzählte“ von Marcel. Es gibt verborgene Saiten in uns, die noch in Schwingung geraten können. Es sind dieselben, die Paul Giger in seiner Alpstein Musik zum Klingen bringt - sie kommt von weit her, und sie klingt weit hin. Film muss immer draussen bleiben. Aber er muss deswegen nicht äusserlich sein. DIE INSEL will von einer Berührung erzählen und sie nicht nur mitteilen, sondern teilen. Martin Schaub