GRÜNINGERS FALL (OmU)
CH 1997, 100 min
R: Richard Dindo

 

Fr 23.5.03 22:30 Uhr
Sa 24.5.03
20:00 Uhr
So 25.5.03
22:30 Uhr
Mo 26.5.03
20:00 Uhr

 


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Der St. Galler Polizei-Hauptmann Paul Grüninger war kein Held, aber als es notwendig wurde, brach er die Gesetze mit einer fast naiv anmutenden Menschlichkeit, denn er glaubte an das Asylrecht als ‘heiligstes’ Recht in der Schweiz. Er zerstörte mit diesem Glauben seine Existenz, als er vor dem Krieg mehreren hundert österreichischen Juden und Jüdinnen, die vor den Nazis flüchteten, das Leben rettete. Um so vielen wie möglich zu einer legalen Einreise in die Schweiz zu verhelfen, unterschrieb er Dokumente, verfaßte Empfehlungsschreiben und kooperierte illegalerweise mit der israelitischen Flüchtlingshilfe. Als die Behörden davon erfuhren, wurde Hauptmann Grüninger von seinem Dienst suspendiert und wegen Amtspflichtverletzung und Fälschung von Dokumenten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Richard Dindos Dokumentarfilm spielt im Saal des Bezirksgerichtes von St. Gallen, wo Grüninger im Oktober 1940 der Prozeß gemacht wurde. Ehemalige jüdische Emigranten und Emigrantinnen, die Grüninger ihr Leben verdanken, treten als Zeugen auf. Grüninger starb im Februar 1972 mit achtzig Jahren und wurde erst 55 Jahre nach seiner Verurteilung, im Herbst 1993, rehabilitiert. Der Film ist ein Dokument dieser späten Rehabilitation und ein Denkmal für das exemplarische Schicksal eines Schweizers, der den Idealen der Verfassung treu bleiben wollte. 28. internationales forum des jungen films Berlin 1998

Aus dem Exposé zum Film:
Wie wir heute wissen, hat der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger mehreren hundert, nach seinen eigenen Angaben sogar zwischen zwei- und dreitausend deutschen und österreichischen Juden das Leben gerettet, indem er sie entgegen den Weisungen aus Bern über die Grenze ließ. Als die Juden in Deutschland und Österreich nach den Pogromen von 1938 begriffen, daß ihr Leben und ihre Existenz bedroht waren, versuchten immer mehr von ihnen, ihr Land zu verlassen. Schätzungsweise 250.000 flüchteten in dieser Zeit ins Ausland; ca. 10-12.000 kamen in die Schweiz. Ab August 1938 verboten unsere Behörden jede Einreise von Juden in die Schweiz. Die Grenzstellen erhielten die Anweisung, die betreffenden Flüchtlinge zurückzuweisen. Hauptmann Grüninger hielt sich nicht daran. Er hatte die Not und die Verzweiflung der Flüchtlinge an der Grenze mit eigenen Augen gesehen und nicht das Herz gehabt, sie zurückzuschicken. Er begann, alles zu unternehmen, um so vielen wie möglich eine legale Einreise in die Schweiz zu ermöglichen, unterschrieb Dokumente, verfaßte Empfehlungsschreiben und gab der Israelitischen Flüchtlingshilfe den Rat, die Einreise der Emigranten vorzudatieren, um ihre Anwesenheit im nachhinein legalisieren zu können. Als die Behörden schließlich davon erfuhren, wurde Hauptmann Grüninger zuerst vom Dienst suspendiert und etwas später fristlos entlassen. Er wurde wegen Fälschung von Dokumenten gerichtlich verurteilt und verlor seine Pension. 1970, nach einer internationalen Pressekampagne mit Berichten über die Person Grüningers, sogar in amerikanischen Zeitungen, gratulierte ihm der St. Galler Regierungsrat wenigstens zu seiner damaligen menschlichen Einstellung, ohne ihn aber konkret und juristisch zu rehabilitieren. In Israel wurde er 1971 zum Gerechten aus den Völkern erklärt, eine Ehre, die all jenen widerfährt, die jüdischen Menschen in der Not geholfen und ihnen das Leben gerettet haben. Im Februar 1972 stirbt Paul Grüninger mit 80 Jahren, verarmt, vergessen, ein wenig verbittert wahrscheinlich, soweit dies mit seinem gutmütigen Charakter vereinbar war, aber wenigstens mit dem Bewußtsein, das getan zu haben, was er seiner Meinung nach hatte tun müssen. Erst 1993/94, also 55 Jahre (!) nach den Ereignissen, wird er von den politischen Behörden unseres Landes rehabilitiert. Im November 1995 folgt die juristische Rehabilitierung; fast wäre man versucht zu sagen, unter dem Druck der in- und ausländischen Medien. Doch gerade weil er heute rehabilitiert ist, gilt es jetzt zu verhindern, daß seine moralische Leistung und das Unrecht, das ihm angetan wurde, unter den Tisch gewischt wird. Es geht nun darum, die Rehabilitierung Grüningers unter den Augen des Volkes durchzuführen beziehungsweise unter den Augen des großen Publikums, und das kann nur ein Film. Nur ein Dokumentarfilm kann einen Menschen ins richtige Licht rücken, ihn vor den Augen der andern rehabilitieren, seine Wahrheit und seine Würde wiederherstellen, ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und dafür sorgen, daß das Unrecht, das an ihm begangen wurde, nicht mehr in Vergessenheit gerät. Denn Rehabilitierung hat immer auch mit Erinnerung zu tun. Eine Rehabilitierung unter Ausschluß der Öffentlichkeit hat gar keinen Sinn, ist nur Selbstrehabilitierung der Machthaber, der namenlosen Behörden, eine Rechtfertigung und Vertuschung der anonymen Täter, ein versteckter Versuch, die Erinnerung auszulöschen, die Geschichte zu entpolitisieren, der Erinnerung ihren Stachel zu nehmen, sie zu ersetzen durch einen Akt auf dem Papier. Die wirkliche Rehabilitierung Grüningers wird durch unseren Film geschehen.