SENNEN-BALLADE (OmU)
CH 1996, 100 min
R: Erich Langjahr

 

Fr 2.5.03 20:00 Uhr
Sa 3.5.03 22:30 Uhr
So 4.5.03 20:00 Uhr
Mo 5.5.03 22:30 Uhr

 


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„Der Film SENNEN-BALLADE stellt die Frage nach der Identität und versucht so den grossen Widerspruch, in dem wir uns alle befinden, bewusst zu machen. Wer bin ich? Was tue ich?“ Erich Langjahr
Die ZuschauerInnen erleben, ohne Kommentar, den Alltag einer Bauernfamilie im Appenzellerland am Ende des 20. Jahrhunderts. Diese bäuerliche Lebensweise steht in unvereinbarem Gegensatz zur Welt des Neokapitalismus mit seiner Profitmaximierung, des Konsumismus und des Raubbaus an den Ressourcen. Das Dasein der Sennen wird bestimmt vom Wechsel der Jahreszeiten, von den Bedürfnissen des Viehs, vom Rhythmus der täglichen Arbeit. Langjahrs Film schafft Zeit und Raum für die Beobachtung kleinster Details, für das eigene Empfinden und Denken. Er überfällt das Publikum nicht mit einer Kaskade von Reizen, sondern breitet eine komplexe, facettenreiche Wirklichkeit aus. Jede Tätigkeit - sei es die Alpauffahrt oder das Schnitzen einer Kuh - bekommt die Zeit, die sie braucht, um ihren Sinn, ihre Nützlichkeit oder Schönheit wahrzunehmen. Aber dennoch handeln Langjahrs Bauernfilme nicht von der Alpromantik. Vielmehr geht er von der Gewissheit aus, dass in der Reduktion auf das Kleine, das Detail, dass im Ausschnitt sich die Welt erkennen lässt. Insofern glaubt Langjahr an die Kraft des Realen und die Reife der ZuschauerInnen. Denn er plappert nicht über Arbeit, Geduld und Ruhe, er zeigt sie. Dank der sorgfältig durchdachten Montage seines Films gelingt es Langjahr aufzuzeigen, was auf dem Spiel steht, wenn Bauern wie Werner Meile gezwungen werden, sich dem alleinigen Gesetz von Produktion und Rendite zu beugen. Damit verschwände eine Welt, in der die Umwelt schonend genutzt wird und in der Tiere nicht als reine Produktionsmaschinen instrumentalisiert werden. Es verschwände eine Daseinsform, in der Arbeit, Mensch und Tier ihre Identität und Würde besitzen. SENNEN-BALLADE ist ein bildmächtiges Filmepos über die Würde menschlicher Tätigkeit in respektvoll akzeptierter Natur.
„Film kommt vom Bild. Dass Film so geschwätzig geworden ist, hat uns das Fernsehen beigebracht.“ Erich Langjahr

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BAUERNKRIEG (OmU)
CH 1998, 84 min
R: Erich Langjahr

 

Fr 2.5.03 22:30 Uhr
Sa 3.5.03 20:00 Uhr
So 4.5.03 22:30 Uhr
Mo 5.5.03 20:00 Uhr

 


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BAUERNKRIEG ist eingerahmt von Szenen heftiger Bauerndemonstrationen, zu Beginn jene von 1992 in Luzern, am Schluss jene von l996 in Bern. Diese Proteste der Bauern gegen die neuen GATT-Verträge und die Mitgliedschaft der Schweiz bei der Welthandelsorganisation WTO waren jedoch vergebens. Die rasende Liberalisierung und Globalisierung des Handels konfrontiert die Bauern mit einem unerbittlichen Produktivitäts- und Leistungsdiktat. Viele Bauern müssen ihren Hof aufgeben. Bei den überhöhten Bodenpreisen können sich Grundbesitz nur noch Grosskapitalisten und Spekulanten leisten. (...) Welche Folgen die Leistungssteigerung für das Vieh hat, wird an Beispielen aufgezeigt: In einer automatisierten Melkstation wird eine Kuh gemolken. Sie steht hinter einem Metallgitter, die Geräusche evozieren das Bild einer Fabrikhalle. Grossaufnahme des Euters, über das sich die Blutgefässe wie riesige Krampfadern ausbreiten. Diese hypertrophierten Gefässe sind nötig, um die Milchleistung der Kühe zu erzielen, die man durch Zucht, Kraftfutter und andere Mittel ständig zu vergrössern sucht. (...) Die unförmigen Euter wirken wie auf Höchstleistung frisierte Organe. Später besucht die Kamera eine Besamungsstation, deren Betrieb fachkundig erläutert wird. Stiere trotten in einem Rundlauf hintereinander her. Die Bewegung soll sie für den Samensprung fit machen. Für jeden Stier wird eine sterile, mit einem Gleitmittel präparierte künstliche Gummivagina bereitgehalten. Ein Stier wird sexuell stimuliert, wenn er die Silhouette einer Kuh von hinten sieht. Hier dient ein Stier als Kuhersatz. Beim Samensprung ejakuliert der Stier in die hingehaltene Gummivagina. Am Schluss wird die industrielle Kadaververwertung gezeigt: Ein Kuhkadaver wird samt Hühnern und Innereien durch eine Art Schredder gewürgt und zerkleinert. Nach diversen Verarbeitungsprozessen wird das entstandene Tiermehl in Säcke abgefüllt. Die Melkstation, die Embryonenentnahme, das “Absamen“ und die Kadaververwertung sind dokumentarische Berichte von grosser sinnlicher und emotionaler Kraft. Langjahr kommentiert seinen Film nicht, er zwingt den Zuschauern keine bestimmte Optik auf. (...) Sind die mit allen Mitteln betriebene Züchtung der Kühe zu Höchstleistungen als Milch und/oder Fleischprodzenten noch tiergerecht? Sind Praktiken wie die Embryonenentnahme und das “Absamen“ nicht brutale Verletzungen der Tierwürde? Steht das etwa auch den Menschen bevor, wenn wir wir uns damit bei den Tieren abfinden? Gewisse Anzeichen lassen das tatsächlich befürchten – schliesslich geht es auch da um riesige Profite. Diese und andere Fragen zu diskutieren, ist “Bauernkrieg“ ein nachhaltiger Anlass. ZOOM 1998 Franz Ulrich (gekürzt).

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REQUIEM
CH 1993, 81 min
R: W. Marti / Reni Mertens

 

Fr 9.5.03 20:00 Uhr
Sa 10.5.03
22:30 Uhr
So 11.5.03
20:00 Uhr
Mo 12.5.03
22:30 Uhr

 


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Eine eindringliche Reise ohne Worte zu den europäischen Soldatenfriedhöfen. Ein Requiem für die Millionen Soldaten aller Nationen, die im vergangenen Jahrhundert auf Europas Schlachtfeldern gefallen sind. Gräber, Gräber, Gräber: ein unheimlicher Sog in Fragen, Schmerz und Nachdenklichkeit. Zu der von Léon Francioli komponierten Musik wird an die 120 Millionen Toten erinnert, die die Kriege in den letzten 100 Jahren in Europa gefordert haben. Die Militärfriedhöfe sind ihre stummen Zeugen, Gärten der Mahnung und Orte des Schmerzes, der Fragen und der Nachdenklichkeit. Es sind endlose Gräber in allen erdenklichen Formen und Variationen aus ganz Europa, militärstrategisch exakt angeordnet und fein säuberlich nach Nationen getrennt. Die Schweizer Filmemacher Reni Mertens und Walter Marti haben mit ihrem Alterswerk Requiem ein beeindruckendes musikalisches Filmgedicht geschaffen, das nur durch die Kraft seiner Bilder lebt. REQUIEM ist eine bewegende Dokumentation der Soldatenfriedhöfe von Sizilien bis Nordeuropa. Ohne jeden Kommentar erzeugen unüberschaubare Grabfelder das Bild mörderischer Kriegszeiten. Heldengedenken wird neben Mahnung gestellt: Hier ist der ‘Tod für das Vaterland’ glorifiziert, dort unfaßbares Grauen versteinert. Die Architekturen von Landschaften und Denkmälern sprechen zu uns vom Umgang mit den Toten. Einige führen die Brutalität des Krieges fort, andere versuchen, wahre Fried-Höfe zu sein. Der Schweizer Filmemacher Walter Marti starb im Alter von 76, seine Partnerin Reni Mertens überlebte ihn nur wenige Monate. REQUIEM, der nur durch Bilder und Musik wirkt, gilt als Endpunkt eines Rückzugs der Sprache. Reni Mertens und Walter Marti waren Pioniere und wichtige Vertreter des Schweizer Dokumentarfilms in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam realisierten sie in einer fast ein halbes Jahrhundert dauernden Partnerschaft an die 20 kürzere und längere Dokumentarfilme. REQUIEM war ihr letzter gemeinsamer Film und enthält ein zentrales Motiv ihrer Arbeit, die immer im Dienste jener stand, die selber nicht zu Worte kommen.

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WAR PHOTOGRAPHER
CH 2001, 96 min
R: Christian Frei

 

Fr 9.5.03 22:30 Uhr
Sa 10.5.03
20:00 Uhr
So 11.5.03
22:30 Uhr
Mo 12.5.03
20:00 Uhr

 


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Mit dem Porträt dieses Grüblers und Moralisten konterkariert der Schweizer Regisseur Christian Frei die weit verbreitete und auch durch die Medien immer weiter genährte Meinung, bei Kriegsfotografen und – reportern handele es sich um eine besonders abgebrühte Spezies Mensch. WAR PHOTOGRAPHER weitet sich über das Porträt eines ungewöhnlichen Menschen hinaus zu einem Film, der danach fragt, wohin unsere Welt steuert. Filmdienst Ein unzynischer Reporter Die Dreharbeiten im Kielwasser Nachtweys - übrigens mit Hilfe einer eigens konstruierten, auf Nachtweys Fotoapparat montierten Mikrokamera+Ton - begannen im Mai 1999 in Jakarta. Fortan bestimmte die weltpolitische Krisenlage Zeitpläne und Schauplätze. In Indonesien, in Kosovo, in Palästina. Für Frei und den exzellenten Schweizer Kameramann Peter Indergand hiess das, zwei Jahre lang auf Pikett zu sein. Unter erschwerten Bedingungen, denn von Nachtwey waren weder terminliche noch selbstdarstellerische Konzessionen zu erwarten. “Er hat es uns nie leicht gemacht“, sagt Frei lakonisch und tippt in seiner zurückhaltenden Art an, was an logistischen Problemen und traumatischen Erfahrungen zu bewältigen war. Doch damit war zu rechnen gewesen: Der mehrfach verwundete James Nachtwey ist bekannt dafür, dass er sich noch näher am Gefahrenlimit bewegt als seine Kollegen. Verständlich, dass Frei und Indergand bemüht waren, das Eigenrisiko so tief wie möglich zu halten. Aber ihre Aufnahmen von Strassenkämpfen im palästinensischen Ramallah zeigen, wie dehnbar der Begriff Risiko ist. Dennoch ist „War Photographer“ kein effekthascherisches Doku-Schauspiel geworden. Im Schlussteil führt Frei selber die Kamera und begleitet Nachtwey in die surreal wirkende Szenerie einer indonesischen Schwefelmine, die an die Bildvisionen von Hieronymus Bosch erinnert. Die Eindrücke aus dieser Vorhölle, in einer Luft beissend wie Tränengas, zählen für den Regisseur zu den prägendsten überhaupt: „Es entstand in kürzester Zeit eine unglaubliche Solidarität zwischen den Arbeitern und uns. Und ich spürte eine Seelenverwandtschaft zwischen James Nachtwey und mir.“ Das ist nachvollziehbar. Zwischen den ebenso professionellen wie sensiblen Männern muss bei aller Distanziertheit von Nachtwey eine positive Chemie entstanden sein. Anders lässt sich diese berührende Annäherung an einen besessenen Chronisten des Elends nicht erklären.

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SIAMO ITALIANI
Die Italiener
(OmU)
CH 1964, 79 min
R: Alexander J. Seiler

 

Fr 16.5.03 20:00 Uhr
Sa 17.5.03
23:00 Uhr
So 18.5.03
20:00 Uhr
Mo 19.5.03
22:30 Uhr

 


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Alexander J. Seilers Filmdokument über die harte Arbeit, die unzumutbaren Wohnverhältnisse, den erschwerten Familiennachzug und den tristen Alltag der italienischen Gastarbeiter in der Schweiz ist längst nicht nur als zeitgeschichtliches Zeugnis, sondern auch als empathisches Bild des Mentalitätsunterschieds zwischen Deutschschweizern und Italienern erkannt worden. Die Wiederaufführung steht im Zeichen von Seilers neustem Film, IL VENTO DI SETTEMBRE, der Elemente jenes „Klassikers“ wieder aufnimmt und weiterführt.

Als wir uns im Frühjahr 1963 entschlossen, einen Film über das Leben italienischer Arbeiter in der deutschen Schweiz zu drehen, war die öffentliche Diskussion über das ‘Fremdarbeiterproblem’ eben erst in Gang gekommen: Was mehr als ein Jahrzehnt hindurch als ‘Provisorium’ gegolten hatte, als vorübergehende Begleiterscheinung der Hochkonjunktur, der gegenüber die Haltung des Laisser aller umso angebrachter schien, als man nach allen Grundsätzen der klassischen Zyklenlehre ‘irgendwann’ einen Rückschlag erwarten musste - dieses Provisorium hatte sich endlich doch als Zustand von Dauer entpuppt. Die Wirtschaft lief auf vollen Touren, die Fremdarbeiter waren da und wurden immer zahlreicher, und solange sie ihre Arbeit nicht von zuhause schicken konnten, war es nicht gut möglich, die Fremdarbeiter nachhause zu schicken. (...) Überrascht und anscheinend ganz plötzlich erfuhr die Öffentlichkeit, dass jeder dritte Arbeitnehmer in der Schweiz Ausländer, jeder fünfte Italiener war. Der Alarmruf von der ‘Überfremdung’ ging durch das Land, Organisationen ‘zur Erhaltung der Heimat’ traten auf den Plan, Schmierereien ‘Italiener raus!’ erschienen auf Mauern und Bretterwänden - während gleichzeitig ein einsamer Industrieller die ‘Assimilation’ und schrittweise Einbürgerung von ‘mindestens 150.000’ Fremdarbeitern forderte. Was wussten wir bei alledem wirklich von den Italienern? (...) Zögernd und zunächst ungläubig machten wir die Entdeckung, dass der Italiener in der Schweiz nicht nur politisch sprachlos war, sondern stumm überhaupt: blosses Objekt einer Diskussion, in der seine eigene Stimme nicht gefragt war. Jener Industrielle, der 150.000 Fremdarbeiter zu Schweizern machen wollte - wusste er denn, ob auch nur 50.000 Italiener Schweizer zu werden wünschten? A.J. Seiler, Einleitung zu dem Buch „Siamo Italiani“ (1965).

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IL VENTO DI SETTEMBRE
Septemberwind
(OmU)
CH 2002, 105 min
R: Alexander J. Seiler

 

Fr 16.5.03 22:30 Uhr
Sa 17.5.03
20:00 Uhr
So 18.5.03
22:00 Uhr
Mo 19.5.03
20:00 Uhr

 


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Alberto Nessi – Septemberwind
Der Septemberwind ist der Wind, der die Wurzeln mit sich nimmt. Wurzeln, die in den Fussballfeldern der Jugend gründen, in der Fabrik, in der Antonietta dreissig Jahre lang Fäden geknüpft hat, in der Werkstatt im Kanton Thurgau, in der Carlo Olimpio von Schweizer Meistern das Handwerk des Mechanikers erlernt hat. Jetzt ist er zu den Olivenbäumen seines Dorfes zurückgekehrt, doch etwas hat sich in ihm für immer verändert. Die bei der Entwurzelung gerissenen Fäden lassen sich nicht schmerzlos wieder verknüpfen. Es bleibt eine Narbe. Auch Christian, der Junge, der bis fünfzehn in der Schweiz gelebt hat und jetzt wieder nach Apulien zurückgekehrt ist, merkt, wenn er in den Ferien zu uns kommt, dass ihm etwas fehlt: Die Sterne von Adliswil fehlen ihm. Und die Arbeiterin, die nun in Rente ist und ihrer Tochter die Spinnerei zeigen will, in der sie ihr Leben lang gearbeitet hat, findet nichts mehr: Der Septemberwind hat ihre Vergangenheit fortgeweht wie eine welke Rose. Assunta, ihre Tochter, hat das Städtchen Aesch liebgewonnen und sich dort ganz integriert: Die Dance School ist ihr neues Reich. Doch was sind die beim Aerobic-Unterricht im Turnsaal geschrieenen Worte anderes als die erbarmungslose Litanei der neuen Religion der Effizienz? Die gestikulierende Mutter erinnert uns an das demütige Italien Pasolinis, genauso wie die bäuerlichen Gesichter der Saisonarbeiter aus SIAMOI TALIANI – Seilers Film von 1964 –, die hier in wenigen Ausschnitten noch einmal auftauchen wie Reliquien einer begrabenen Welt; die Tochter im Turnsaal führt uns zurück ins technologische Universum des postindustriellen Zeitalters. SEPTEMBERWIND ist ein Film über den Treibsand der Zeit, über Veränderung, über Mangel, über Zerrissenheit, über das hier und das dort, und darüber, nicht mehr zu wissen, was man will. Doch es ist auch ein Film über die Alltagsgesten der Menschen, die in der Fabrik und in der Werkstatt arbeiten, die eine Feige vom Baum pflücken, die Gitarre spielen auf der Suche nach Harmonie. Längst hat die Zeit das alte Italien der verschreckten Emigranten und die alte Schweiz von Schwarzenbach weggefegt; aber neue Demagogen, vielleicht grobschlächtiger und schlauer als die aus den sechziger Jahren, haben die Schweizer Szene betreten. Und eine neue Einsamkeit wohnt in den Strassen von Acquarica del Capo, wo alte Frauen im Sommer vor den Türen mit goldfarbenen Rahmen sitzen und wohin die «Schweizer» zurückkehren, um sich ein Haus zu bauen, in dem Bestreben, Ferne zu überbrücken. Vergeblich. Denn «die Ferne bleibt dem, der sie hat», wie Tonuccio sagt, und sie läßt sich nicht überbrücken. Aus dem Italienischen von Maja Pflug

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CLOSED COUNTRY (OmU)
CH 1999, 85 min
R: Kaspar Kasics

 

Fr 23.5.03 20:00 Uhr
Sa 24.5.03
22:30 Uhr
So 25.5.03
20:00 Uhr
Mo 26.5.03
22:30 Uhr

 


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Erstmals stehen sie sich gegenüber: Charles Sonabend und Fritz Straub, Sabine Sonabend und die Nonne Anne-Marie. Vor über 50 Jahren war Straub für die Grenze verantwortlich, an der die Familie Sonabend aus der Schweiz in die Hände der Nazis ausgewiesen wurde. Er und die Klosterschwestern verhielten sich, wie Polizeichef Heinrich Rothmund es angeordnet hatte. Stunde der Wahrheit für Verschonte und Verfolgte, Täter und Opfer. Stunde der Überraschung dagegen für die Familie Popowski, die damals von Rothmund persönlich an der Grenze empfangen wurde. Das Schicksal der Sonabends und Popowskis ist eng miteinander verbunden. Auf eine Weise, die nicht einmal Heinrich Rothmund vorausahnen konnte. www.suissefilms.ch Geschlossene Grenze Über diese alte Geschichte einen Film machen? Das interessiert doch heute niemanden mehr.» So ähnlich reagierten 1994 die meisten Leute, als der Historiker Stefan Mächler, Drehbuchautor von «Closed Country», mit seinen Recherchen zum Film begann. Die antisemitische Flüchtlingspolitik der offiziellen Schweiz während des Zweiten Weltkriegs, die Mächler und Regisseur Kaspar Kasics beleuchten wollten, war nur ein linkes Minderheitenthema. Noch hatte das Duo keinen Meter abgedreht, als sich alles ändern sollte und die Dreharbeiten in die Zeit der heftigsten Turbulenzen schweizerischer Vergangenheitsbewältigung fielen. Der Fall Sonabend ... Im Zentrum von «Closed Country» stehen die jüdischen Geschwister Sabine und Charles Sonabend, die im Sommer 1942 zusammen mit ihren Eltern in der Gegend von Porrentruy in die Schweiz geflüchtet und daraufhin – wie zehntausende andere auch – umgehend an die Deutschen im besetzten Frankreich ausgeliefert worden waren. Während die Eltern Sonabend nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht wurden, überlebten die beiden Kinder dank der schon fast ironisch anmutenden Tatsache, dass sie mit Hilfe deutscher Soldaten nicht in einem Vernichtungslager, sondern in einem französischen Kinderheim landeten. Dort blieben sie bis Kriegsende, und es war der heute in London lebende Charles Sonabend, der 1996 als einer der ersten Holocaust-Überlebenden in der Schweiz nach dem Bankkonto seiner ermordeten Eltern suchte. Da sein Bemühen erfolglos blieb, beteiligte er sich 1997 an der Sammelklage gegen die Schweizer Grossbanken.

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GRÜNINGERS FALL (OmU)
CH 1997, 100 min
R: Richard Dindo

 

Fr 23.5.03 22:30 Uhr
Sa 24.5.03
20:00 Uhr
So 25.5.03
22:30 Uhr
Mo 26.5.03
20:00 Uhr

 


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Der St. Galler Polizei-Hauptmann Paul Grüninger war kein Held, aber als es notwendig wurde, brach er die Gesetze mit einer fast naiv anmutenden Menschlichkeit, denn er glaubte an das Asylrecht als ‘heiligstes’ Recht in der Schweiz. Er zerstörte mit diesem Glauben seine Existenz, als er vor dem Krieg mehreren hundert österreichischen Juden und Jüdinnen, die vor den Nazis flüchteten, das Leben rettete. Um so vielen wie möglich zu einer legalen Einreise in die Schweiz zu verhelfen, unterschrieb er Dokumente, verfaßte Empfehlungsschreiben und kooperierte illegalerweise mit der israelitischen Flüchtlingshilfe. Als die Behörden davon erfuhren, wurde Hauptmann Grüninger von seinem Dienst suspendiert und wegen Amtspflichtverletzung und Fälschung von Dokumenten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Richard Dindos Dokumentarfilm spielt im Saal des Bezirksgerichtes von St. Gallen, wo Grüninger im Oktober 1940 der Prozeß gemacht wurde. Ehemalige jüdische Emigranten und Emigrantinnen, die Grüninger ihr Leben verdanken, treten als Zeugen auf. Grüninger starb im Februar 1972 mit achtzig Jahren und wurde erst 55 Jahre nach seiner Verurteilung, im Herbst 1993, rehabilitiert. Der Film ist ein Dokument dieser späten Rehabilitation und ein Denkmal für das exemplarische Schicksal eines Schweizers, der den Idealen der Verfassung treu bleiben wollte. 28. internationales forum des jungen films Berlin 1998

Aus dem Exposé zum Film:
Wie wir heute wissen, hat der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger mehreren hundert, nach seinen eigenen Angaben sogar zwischen zwei- und dreitausend deutschen und österreichischen Juden das Leben gerettet, indem er sie entgegen den Weisungen aus Bern über die Grenze ließ. Als die Juden in Deutschland und Österreich nach den Pogromen von 1938 begriffen, daß ihr Leben und ihre Existenz bedroht waren, versuchten immer mehr von ihnen, ihr Land zu verlassen. Schätzungsweise 250.000 flüchteten in dieser Zeit ins Ausland; ca. 10-12.000 kamen in die Schweiz. Ab August 1938 verboten unsere Behörden jede Einreise von Juden in die Schweiz. Die Grenzstellen erhielten die Anweisung, die betreffenden Flüchtlinge zurückzuweisen. Hauptmann Grüninger hielt sich nicht daran. Er hatte die Not und die Verzweiflung der Flüchtlinge an der Grenze mit eigenen Augen gesehen und nicht das Herz gehabt, sie zurückzuschicken. Er begann, alles zu unternehmen, um so vielen wie möglich eine legale Einreise in die Schweiz zu ermöglichen, unterschrieb Dokumente, verfaßte Empfehlungsschreiben und gab der Israelitischen Flüchtlingshilfe den Rat, die Einreise der Emigranten vorzudatieren, um ihre Anwesenheit im nachhinein legalisieren zu können. Als die Behörden schließlich davon erfuhren, wurde Hauptmann Grüninger zuerst vom Dienst suspendiert und etwas später fristlos entlassen. Er wurde wegen Fälschung von Dokumenten gerichtlich verurteilt und verlor seine Pension. 1970, nach einer internationalen Pressekampagne mit Berichten über die Person Grüningers, sogar in amerikanischen Zeitungen, gratulierte ihm der St. Galler Regierungsrat wenigstens zu seiner damaligen menschlichen Einstellung, ohne ihn aber konkret und juristisch zu rehabilitieren. In Israel wurde er 1971 zum Gerechten aus den Völkern erklärt, eine Ehre, die all jenen widerfährt, die jüdischen Menschen in der Not geholfen und ihnen das Leben gerettet haben. Im Februar 1972 stirbt Paul Grüninger mit 80 Jahren, verarmt, vergessen, ein wenig verbittert wahrscheinlich, soweit dies mit seinem gutmütigen Charakter vereinbar war, aber wenigstens mit dem Bewußtsein, das getan zu haben, was er seiner Meinung nach hatte tun müssen. Erst 1993/94, also 55 Jahre (!) nach den Ereignissen, wird er von den politischen Behörden unseres Landes rehabilitiert. Im November 1995 folgt die juristische Rehabilitierung; fast wäre man versucht zu sagen, unter dem Druck der in- und ausländischen Medien. Doch gerade weil er heute rehabilitiert ist, gilt es jetzt zu verhindern, daß seine moralische Leistung und das Unrecht, das ihm angetan wurde, unter den Tisch gewischt wird. Es geht nun darum, die Rehabilitierung Grüningers unter den Augen des Volkes durchzuführen beziehungsweise unter den Augen des großen Publikums, und das kann nur ein Film. Nur ein Dokumentarfilm kann einen Menschen ins richtige Licht rücken, ihn vor den Augen der andern rehabilitieren, seine Wahrheit und seine Würde wiederherstellen, ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und dafür sorgen, daß das Unrecht, das an ihm begangen wurde, nicht mehr in Vergessenheit gerät. Denn Rehabilitierung hat immer auch mit Erinnerung zu tun. Eine Rehabilitierung unter Ausschluß der Öffentlichkeit hat gar keinen Sinn, ist nur Selbstrehabilitierung der Machthaber, der namenlosen Behörden, eine Rechtfertigung und Vertuschung der anonymen Täter, ein versteckter Versuch, die Erinnerung auszulöschen, die Geschichte zu entpolitisieren, der Erinnerung ihren Stachel zu nehmen, sie zu ersetzen durch einen Akt auf dem Papier. Die wirkliche Rehabilitierung Grüningers wird durch unseren Film geschehen.

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DIE INSEL (OmU)
CH 1993, 75 min
R: Martin Schaub

 

Fr 30.5.03 20:00 Uhr
Sa 31.5.03
22:30 Uhr
So 1.6.03
20:00 Uhr
Mo 2.6.03
22:30 Uhr

 


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„Marcels Hände waren schwielig, voller Risse, geschwollen an den Knöcheln und gleichzeitig sehr warm, auf unbeschreibliche Weise empfindsam. Sie hatten so vieles gehandhabt. Sie waren wie gewisse alte Wörter, die heute ausser Gebrauch geraten“ John Berger Drei Monate im Jahr finden die Hirten im Alpsteingebirge zurück zu den alten Ritualen, in ein Gleichgewicht, das in rätselhafter Weise intakt geblieben ist. Kein wiedergefundenes Paradies zwischen Felsen für sie, sondern Alltag. „Glück hätte er es nicht genannt“, sagt der Erzähler, der unvermittelt auftritt und von dem savoyischen Hirten Marcel berichtet, der etwa ein Drittel seiner achtzig Jahre auf der Kante zwischen Himmel und Erde gelebt hat. Der Film lauscht der zugleich fernen und vertrauten Inselmelodie. Produktionsmitteilung Dieser Film hat eine lange Vorgeschichte. Eine fast fünfzigjährige. Als ich gerade lesen lernte, schlug ich ein Heimatbuch immer wieder auf derselben Seite auf. Die Photographie des Fälensees zog mich magisch an. Tief eingeschnitten, schwarz, mit einem Glanzlicht am Ende des Sees. Es hat dann fünfundreissig Jahre gedauert, bis ich den See, die Wiesen und die Felsen erstmals mit eigenen Augen sah, und weitere zehn, bis ich mit der video-8-Kamera Aufnahmen machte. Die Scheu ist ebenso geblieben wie die Verzauberung durch eine magische Landschaft. Das Projekt eines grossen Films über die Jahreszeiten im Alpstein entstand. Das Drehbuch gibt es, aber wir haben kein Geld gefunden. Auch das eine lange Geschichte, aber keine magische. 1991 haben wir trotzdem zu drehen begonnen. Denn: „Alles verschwindet, man muss sich beeilen“ (Paul Cézanne). Mein Interesse an dieser Welt und an ihren Bewohnern ist kein ethnologisches. Mich ziehen sie an, weil das alles fern und fremd und zugleich unsäglich vertraut ist. John Berger sagt es in seiner Geschichte von Marcel: „Erinnerung an die Kindheit, der Garten Eden? Ich weiss nicht. Ich würde es Glück nennen, er aber nicht.“ Drei Monate im Jahr finden die Hügelbauern in den Bergen traumhaft sicher zu einer archaischen nomadischen Lebensform. Sie gehen auf in einer Welt, in der alles real, alles sichtbar ist, in der die Menschen, die Tiere und das Wetter miteinander auskommen müssen und können. Das Ritual ist die der Erde würdige Kunst des Lebens. Die Gesten sind nie mechanisch, aber immer gleich. Ich habe gesehen, wie Werner Meile, der Käser, während fünf frühmorgendlichen Stunden nicht einen einzigen Fehlgriff macht.
Und Albert Räss tritt jeden Abend - nicht exakt zur selben Uhrzeit, aber genau zur selben Erlebniszeit - auf die Anhöhe vor seiner Hütte hinaus und ruft seinen Segen ins Tal hinaus. Johann Kollers „äusserstes Wissen“ geht auf jenes Jahr zurück, als der Vater den Dreijährigen erstmal auf eine Alp mitnahm. Das Leben hat hier sichtbare Formen. Man könnte sie in einem Film auch erklären oder erklären lassen. Nie habe ich daran gedacht. Wir wollten schauen und die Melodie hören, eine Melodie, die - wie Michel Stadler auf der Widderalp sagt - in Nepal und in Argentinien kaum anders klingt. Die Geschichte von Marcel aus den Hochsavoyer Alpen, die John Berger erzählt, beleuchtet unsere Bilder und Töne. Und die sicht- und hörbare Welt des Films beleuchtet jene „nur erzählte“ von Marcel. Es gibt verborgene Saiten in uns, die noch in Schwingung geraten können. Es sind dieselben, die Paul Giger in seiner Alpstein Musik zum Klingen bringt - sie kommt von weit her, und sie klingt weit hin. Film muss immer draussen bleiben. Aber er muss deswegen nicht äusserlich sein. DIE INSEL will von einer Berührung erzählen und sie nicht nur mitteilen, sondern teilen. Martin Schaub

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WIR BERGLER IN DEN
BERGEN SIND EIGENT-LICH NICHT SCHULD, DASS WIR DA SIND
(OmU)
CH 1974, 108min
R: Fredi M. Murer

 

Fr 30.5.03 22:00 Uhr
Sa 31.5.03
20:00 Uhr
So 1.6.03
22:00 Uhr
Mo 2.6.03
20:00 Uhr

 


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1. Göschener Tal: „Es muss eine ganz andere Änderung geben, im ganzen Ding da.“
2. Schächental: „Diese Kinder haben bereits die Leidenschaft vom Älplerwesen geerbt...“ 3. Maderanertal: „Aber wir sagen uns manchmal hier oben, wir sind so Bürger 2. Klasse.“ „Die Gliederung des Films in 3 Sätze ist wörtlich wie musikalisch zu verstehen; also auf den Inhalt und die Form bezogen. Titel und Untertitel sind Zitate von Bergbauern. Sie, die Bergler stehen im Mittelpunkt des Films und ausschliesslich sie haben das Wort. Der Film vermittelt also Rohmaterial, Informationen aus erster Hand. Mein ursprünglich geplantes Projekt, Urner Sagen zu verfilmen hatte einen engen Zusammenhang mit meiner in Uri verbrachten Kindheit. Dass ein ethnographisch orientierter Film daraus wurde, ist der Tatsache zuzuschreiben, dass meine Begegnung mit der heutigen Wirklichkeit der Bergler mich während des Recherchierens weit mehr faszinierte, als ihre Sagen und Mythen zu rekonstruieren. Während meiner Recherchenarbeit bei den Urner Bergler bin ich immer wieder auf trotziges Schweigen gestossen und oft habe ich auf Fragen, die ihre eigenen Probleme betroffen haben, die abweisend-verunsicherte Antwort bekommen: Fragen sie da lieber einen Studierten. Sie glauben bereits selber daran, dass die anderen es besser wissen, die Besserwisser. Eine urnerische Persönlichkeit hat mir gesagt, wann man einen unbequemen Bergler loshaben wolle, müsse man nur anfangen, mit ihm schriftlich zu verkehren. Er würde verstummen. Stumm sind sie nicht, das kann der Film beweisen, aber manche haben das Gefühl, dass sie als solche behandelt werden, und mit der Zeit verinnerlicht sich dieses Gefühl. Wir sogenannten Kulturträger sind durch unsere Code-Sprache an der Bewusstseins-Unterdrückung dieser Bevölkerungsschicht mehr beteiligt, als wir wahrhaben wollen. Mit Individuen, denen das Selbstbewusstsein abgenommen ist, lässt sich noch lange auf Demokratisch machen. Demokratie, wie sie von denen verstanden wird, die dank ihrer Machtstellung das Bewusstsein nicht von selbst verlieren.

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